#MeToo – eine ganz persönliche Geschichte

Ein Thema, das ich einfach schreibe, weil es mich durch die neuesten Ereignisse von Prosieben vom 12.05.2020 wieder verfolgt. Es ging um die 15-Minütige Sendung von Joko Winterscheidt und Klaas Leufer-Umlauf wobei es um die sexuelle Gewalt gegenüber Frauen ging. Auch liest man viel über Harvey Weinstein, dass er sexuelle Übergriffe auf Frauen verübt hat. Anders ausgedrückt, er hat sie einfach angefasst und die Frauen haben es stumm über sich ergehen lassen. Ich kann nur zu gut nachfühlen, wie es ihnen geht, denn auch ich, als (schwuler) Mann wurde genötigt. Meine ganz persönliche Geschichte….



Worum es am 12.05 ging…

Gefangen in einer scheinheiligen Welt

Luxemburg, 2009. Mein Leben war in meinem Inneren betrachtet ein innerliches Chaos, wie ich es schon seit meinem 4 Lebensjahr kenne. Abends habe ich immer in Luxemburg-Stadt die Abendschule besucht, mit der Planung Krankenpfleger zu werden. Nach meiner 3 jährigen Beziehung die ich Anfang des Jahres beendete, war es ebenfalls nicht wirklich hilfreich, mein Leben in den Griff zu bekommen. Um 21:30 Uhr läutete die Schulglocke und ich rannte die Treppen runter um einer der letzten Busse nicht zu verpassen. Der Bus war voll, wie üblich. Ganz vorne fand ich noch einen Platz und setzte mich hin, neben einen Kerl. Ich kannte ihn nicht und beachtete ihn gar nicht, während ich meine Musik hörte. Zu Hause angekommen, habe ich im Internet gesurft und war neben dem Zocken wie üblich bei Planetromeo* online. 


Eine Geschichte wie aus einem Märchen

Mitten in der Nacht erhielt ich eine Nachricht. Es schrieb mir irgendein Profil ohne Bild. Es kam ein recht süßer Text rüber: „Hi. Ich habe abends neben Dir vorne im Bus gesessen und ich fand Dich total süß. Da ich nicht geoutet bin, habe ich mich nicht getraut Dich anzusprechen. Wenn Du magst können wir uns doch mal treffen?“ Ich war zunächst einmal geflasht. Ehrlich gesagt, kam ich mir wie in einem Disneyfilm vor, wo der Prinz zufällig seine Prinzessin erblickt und sich verliebt. (Ja naiver Gedanke für einen 19-Jährigen.) Es wurden die Skype-Namen ausgetauscht und wir chatteten. Irgendwann zeigte er sich per Cam und ich konnte mir das Gesicht noch einmal anschauen. Da ich abends gerne nach der Schule mal etwas trinken gegangen bin, habe ich einem Treffen zugestimmt. 


Ein süßer Trip mit einem bitteren Nachgeschmack

An dem Abend, habe ich mich schick gemacht. Es war ein Abend an dem ich glänzen wollte. Ich erinnere mich noch genau, wie ich meine Haare wachsen und seitlich runterfallen ließ. Die Haare trug man damals eher in Richtung Emo. Wir haben uns am Bahnhof getroffen und sind spazieren gegangen. Für mich ungewöhnlich, da ich mich eigentlich ausschließlich an öffentlichen Orten traf. Meine innere Stimme rief mir irgendwann zu, dass da irgendwas nicht stimmt. Doch durch die rosarote Brille habe ich der Stimme kein Gehör gegeben. Wir sprachen über seine Herkunft, dass schwule Handlungen in seinem Land schon öfters gemacht werden, aber man duldet es nicht. Es irritierte mich, allerdings habe ich mir daraus nicht gemacht. Er fragte mich nach meinen sexuellen Vorlieben und meinte, dass er auch Kerle vergewaltigt, die er geil findet. In diesem Moment, zerbrach meine rosarote Brille. War wegrennen eine Option, mitten in einer einsamen Straße? Was sollte ich tun? Mein inneres Chaos kam wieder zum Vorschein und ich wusste, es ist an der Zeit mitzuspielen, damit ich nicht mit meinem Leben spiele. 


Der Albtraum begann

Wir standen auf einem Platz einer großen Bank. Mutterseelenallein. Ich schluckte. So kam wie es kommen musste. Er fing an mich an meinem Hinterkopf zu packen und wollte, dass ich ihn oral befriedige, was ich anfangs auch getan habe. An dem Punkt habe ich wohl einige Erinnerungen verloren, ich weiß nur, dass er mich nicht anfassen wollte, weil ich tatsächlich unbeschnitten bin, und dies als unrein galt.  Das habe ich in der Notsituation nicht wirklich beachtet. Ich kann mich nur an folgendes erinnern: Er kam nicht wirklich zu seinem Ziel in mich anal einzudringen, was ich glücklicherweise durch eine Ausrede verhindern konnte. Das hielt ihn nicht davon ab zu masturbieren. Als er zum Orgasmus kam, spritzte er mir meine neuen Schuhe voll, die ich erst vor kurzem gekauft habe. In diesem Zeitpunkt war ein Teil in mir gestorben. Die Leidenschaft tollen Sex zu haben war vorbei. Wer mich kennt weiß, ich rede viel darüber, doch über meine Vergangenheit, weiß keiner Bescheid. Es ist wohl eine Art meine Verletzbarkeit in dem Thema zu übergehen und zu überspielen. Ich habe vor Monaten diesen Beitrag geschrieben und ich schämte mich für die Geschichte. Da ich keinen Hass gegenüber einer Herkunft schüren möchte, möchte ich erwähnen, dass es noch andere Geschichten gibt, wo ich ebenfalls sexuell genötigt wurde, die von Franzosen als auch von Luxemburgern, Belgiern oder Deutschen begangen wurden. 


Die innere Blutung

Mit dem Sperma an meinen Schuhen lief ich den ganzen Abend herum. Ich starrte nur auf die Schuhe und es fühlte sich an als ob meine Füße an dieser Stelle wegätzten. Als ich zu Hause ankam, nahm ich Wodka aus dem Schrank und spülte mir den Mund aus und stieg in die Dusche. Ich fühlte mich innerlich eklig. Benutzt wie ein Handtuch, das in alle Ritzen kommt und man einfach in den Müll schmeißt. Man fühlt sich schwer, mein Herz zog in alle Richtungen. Am liebsten wäre es geplatzt, aus meiner Haut gefahren oder auch einfach nur gestorben. Mein Gewissen redete mir ein, dass ich etwas Falsches gemacht habe und ich das nie wieder gut machen könne. Einen Waschzwang habe ich mir nicht zugelegt… doch es wurde weitaus dreckiger als das. Um sensiblen Personen nicht zu ermutigen die gleichen Fehler wie ich zu begehen, werde ich diesen Teil bewusst auslassen. Wenn Du Hilfe brauchst, kannst Du Dich gerne an mich wenden oder auch an die Seelsorge. (Telefonnummer: 0800/111 0 111 · 0800/111 0 222 · 116 123 – Kostet nichts und wird nicht im Einzelnachweis angezeigt


Die Hilfe danach

Wie ich damals damit umgegangen bin? Ich habe mich durchgehend geschämt. Die Folgen waren dramatisch: Das Schuljahr litt komplett darunter und musste wiederholt werden. Das Spielen am PC wurde intensiver und ich schloss mich mit Hilfe der virtuellen Welt, der realen Welt komplett aus. Es war ein Betäuben eines sehr negativen Gefühls. Meine Therapeutin zu besuchen war eine Lösung und ich wurde auch schnell mal gerüttelt. Sie meinte ganz trocken zu mir, dass meine Eskapaden doch nur eigentlich ein Zeichen dafür sind, dass ich mich  unbewusst versuche umzubringen. Und sie hat Recht. Der Grund: Da ich eine große Serophobie** habe, ist es innerlich doch mein Wunsch mich mit HIV zu infizieren und damit zu sterben. Anfangs war ich sehr böse darüber, aber, sie hatte Recht. Wie kann ich mir denn so unwichtig sein und alles so über mich ergehen lassen? Wieso stehe ich nicht für mich ein und öffne nicht meinen Mund? Eins ist sicher: So weit lasse ich es nicht mehr kommen. Was auch so geschah. Das schlechte Gefühl habe ich nicht verlieren können. Im Gegenteil: Es wurde nur noch schlimmer und schlimmer, was tatsächlich noch weitere 6-7 Jahre halten soll.


Jeder Mensch zählt!

Man fragt sich sicher: Warum schreibt man so eine (brisante) Geschichte zu dem Thema über sich? Dieser Blogeintrag ist ein sehr emotionales Thema. Es soll Dich nicht zu Wut, Trauer oder Hass verleiten. Es soll eine Sensibilisierung sein gegenüber Frauen oder Männern, die von Männern sexuelle Übergriffe erfahren mussten. Man muss wirklich mehr für sie eingestehen, denn jeder Mensch zählt. Egal ob weiblich oder männlich. Scheiß drauf, was andere Menschen über Dich denken. Scheiß drauf, was passieren wird, nur eins musst Du Dir immer laut vorsagen: Über meinen Körper bestimme ich allein. Kein Anderer kann nachfühlen, ob Du Dich für sexuelle Handlungen bereit fühlst, ob es mit dem Menschen passt und ob Du dich wohlfühlst. Deshalb muss man das immer klar machen. 

Wenn Du Menschen triffst, beachte folgendes:
– Treffe Dich nur an öffentlichen Gegenden (Cafés, Bars, Restaurants)
– Sage Deinem Kontakt klipp und klar, dass Du Dich nur dort treffen wirst. 
– Sage Deinen Liebsten (Freunden, Eltern, Geschwistern etc.) Bescheid wo Du bist.
– Lege feste Reglungen klar wie feste Zeiten, wann Du gehst usw. 
– Nimm eine/n Freund/in mit. 

Das soll nicht heißen, dass diese „Basictipps“ hilfreich sind oder „die Lösung“ sind. Man kann sicher noch weitere Dinge tun um sich zu schützen. Egal wie süß, charmant oder gut aussehend der Mann sein mag: Fokussiere Dich auf Dein Gefühl und Deinen Schutz vor einem sexuellen Übergriff. Nicht, dass Du innerlich so gefangen bist wie ich. Sollte doch etwas passiert sein, rede bitte mit einem Freund, Familienmitglied oder einer neutralen Person. Du bist nicht alleine! 


Du brauchst Jemanden darüber zu reden? Ich biete Dir gerne an mich anzuschreiben oder wende Dich an die Seelsorge (siehe oben). Wenn alle Stricke reißen, bitte ich Dich direkt in professionelle Hände zu begeben. Denn wie jeder Andere bist Du wichtig!


*Dating-Plattform für Schwul-Bi-Transsexuelle Männer
** Angst vor der Infektion mit HIV und ähnlichen Krankheiten